Mit dem Rad durch Bremen: Wie der ADFC den Mängelmelder nutzt
In Bremen können Radfahrende Schäden und Probleme an der Radinfrastruktur direkt an den ADFC melden – und das seit 2019 über einen eigenen Mängelmelder, der auf der Plattform Mängelmelder Pro der wer denkt was GmbH basiert. Anders als bei vielen anderen Kommunen liegt der Betrieb dieses Systems nicht bei der Stadtverwaltung, sondern bei der Interessenvertretung der Radfahrenden, dem ADFC Bremen.
So können Bürgerinnen und Bürger zum Beispiel Schlaglöcher, fehlende Beschilderung oder gefährliche Stellen im Straßenraum unkompliziert online eintragen und mit einem Foto dokumentieren. Der ADFC bündelt diese Hinweise, bewertet sie verkehrspolitisch und gibt sie strukturiert an die zuständigen Stellen in der Verwaltung weiter. Zuständig für den Mängelmelder ist beim ADFC Bremen Verkehrsreferent Albrecht Genzel, der als freier Mitarbeiter eng mit zwei hauptamtlichen Kolleginnen zusammenarbeitet. Er schaut nach eigener Aussage fast täglich in das System, um neue Meldungen zeitnah zu bearbeiten – im Durchschnitt sind es etwa fünf Hinweise pro Tag.
Pro Meldung kalkuliert er rund drei Minuten Bearbeitungszeit, insgesamt also etwa eine Viertelstunde pro Tag. Das klingt überschaubar, funktioniert aber nur, weil viele Abläufe inzwischen standardisiert sind und typische Fälle klaren Zuständigkeiten folgen.
Wer meldet überhaupt Mängel?
Nach der Erfahrung des ADFC stammen etwa 10 bis 20 Prozent der Meldungen von Personen, die nicht Mitglied im Verband sind, aber irgendwo auf das Angebot aufmerksam geworden sind. Einen großen Teil machen aktive Radfahrende aus, die täglich in der Stadt unterwegs sind und ein geschultes Auge für problematische Stellen entwickelt haben.
Bemerkenswert ist der Umgangston: Der ADFC berichtet, dass trotz der langen Laufzeit bisher praktisch keine unsachlichen oder beleidigenden Eingaben eingegangen sind. Stattdessen dominieren konstruktive Hinweise und konkrete Verbesserungsvorschläge, was die Arbeit mit den Meldungen deutlich erleichtert.

Der Weg einer Meldung
Typischerweise beginnt alles mit einem Foto und einer kurzen Beschreibung des Problems. Der ADFC hat den Eingangsprozess im Laufe der Jahre bewusst so angepasst, dass Nutzende möglichst immer ein Bild hochladen – notfalls greift jemand auf Kartenmaterial oder Street-View-Ansichten zurück, doch am besten funktioniert es mit einem aktuellen Foto vor Ort.
Anschließend prüft der ADFC, ob es sich um einen expliziten Radverkehrsmangel oder eher um ein allgemeines Infrastrukturproblem (z. B. auf der Autofahrbahn) handelt. Anschließend wird die Zuständigkeit ermittelt: In Frage kommen Straßen- und Radwegerhaltung, Grünflächenamt, Umweltbetrieb und weitere Stellen.
Nur spezielle Radverkehrsmängel sollen im System dokumentiert werden, daher werden einige Meldungen mit freundlicher Erläuterung wieder „herausgefiltert“. Akute Gefahren werden klar benannt, allerdings bewusst sparsam, um den Begriff nicht zu inflationieren und die Ansprechpersonen in der Verwaltung nicht zu überlasten.
Die Meldenden erhalten in der Regel eine Rückmeldung, zum Beispiel den Status „in Bearbeitung“, wenn der ADFC den Fall weitergeleitet hat. Was der ADFC nicht leisten kann ist eine Garantie, dass – und falls ja – wann die Stadt den Mangel tatsächlich behebt.
Zusammenarbeit mit der Verwaltung
Finanziert wird der Mängelmelder vom Ressort für Verkehr, Umwelt und Bau des Landes Bremen. Auf Verwaltungsebene ist die Zusammenarbeit allerdings sehr unterschiedlich: Mit einigen Abteilungen läuft der Dialog vergleichsweise gut, hier gibt es konkrete Ansprechpersonen und spürbare Reaktionen. In anderen Bereichen stößt der ADFC auf deutlich mehr Zurückhaltung – in Einzelfällen wurde sogar signalisiert, dass bestimmte Arten von Meldungen gar nicht erwünscht seien. Für engagierte Meldende, die Zeit und Mühe in Beschreibung und Foto investieren, ist das frustrierend und könnte laut ADFC ein Grund dafür sein, dass die Zahl der Meldungen in den letzten Jahren etwas zurückgegangen ist.
Doch der Mängelmelder ist auch ein wichtiges Instrument für die verkehrspolitische Arbeit. Über Auswertungen im Backend lassen sich Schwerpunkte nach Stadtteilen, Problemarten oder Routen (etwa Premiumrouten für den Radverkehr) identifizieren und gegenüber Politik und Verwaltung belegen.
Besonders interessiert sind dabei die Bremer Stadtteilbeiräte, die mit Hilfe der Daten besser verstehen können, wo die Radinfrastruktur gut funktioniert und wo es systematische Defizite gibt. Der ADFC überlegt aktuell, ehrenamtliche Aktive in den Stadtteilen stärker einzubinden und ihnen „ihre“ Meldungen automatisch zur Verfügung zu stellen, um noch näher an den konkreten Problemen vor Ort zu sein.
Konkrete Verbesserungen vor Ort
Trotz mancher Hürden zeigt der Mängelmelder in Bremen klare Wirkung im Alltag. So wurden etwa fehlende Fahrradbügel nachweislich über den Mängelmelder identifiziert und auf Ebene der Stadtteilbeiräte priorisiert – diese verfügen über eigene Mittel und können kleinere Maßnahmen wie zusätzliche Fahrradabstellanlagen selbst beauftragen.
Gerade bauliche Mängel werden aus Sicht des ADFC am häufigsten und sichtbarsten behoben. Nicht jede Reparatur findet den Weg als Rückmeldung zurück in das System, aber aus der Praxis ist bekannt, dass zahlreiche Schlaglöcher, Absackungen oder Bordsteinkanten nach Meldungen zügig beseitigt wurden.
Aus sieben Jahren Praxis haben sich für den ADFC Bremen einige zentrale Lernerfahrungen herauskristallisiert:
• Realistische Erwartungshaltung klären: Der Mängelmelder ist kein Notruf, sondern dient der systematischen Erfassung und Bearbeitung von Radverkehrsmängeln.
• Fotos konsequent einfordern: Ein Bild spart Zeit, erleichtert die Einordnung und macht Rückfragen oft überflüssig.
• Kategorien nachschärfen: Die ursprüngliche Struktur wurde nach einigen Jahren anhand der tatsächlichen Nutzung angepasst, um Schwerpunkte besser abzubilden.
• Dialog mit Meldenden pflegen: Wenn es Unklarheiten gibt, ist die Kontaktmöglichkeit per E‑Mail wichtig – auch wenn nicht alle darauf reagieren.
• Verwaltung als Partner:in sehen: Wo die Zusammenarbeit funktioniert, entsteht Vertrauen, und Mängel werden eher als konstruktive Hinweise denn als Angriff verstanden.
Der ADFC Bremen möchte den Mängelmelder auch künftig als strategisches Instrument nutzen, um die Radverkehrssituation Schritt für Schritt zu verbessern – von der Schlaglochreparatur über neue Fahrradbügel bis hin zu größeren Projekten. Gleichzeitig setzt sich der Verband dafür ein, dass die vielen Rückmeldungen aus der Bevölkerung noch stärker in Planung und Unterhalt der Radwege einfließen.
Den Online-Praxistalk in ganzer Länge finden Sie auf dem YouTube-Kanal der wer denkt was GmbH. Hier geht’s zum Video: https://www.youtube.com/watch?v=s14IPTknrNE
Über Alrecht Genzel:
Albrecht Genzel arbeitet seit Jahrzehnten für den ADFC, früher ehrenamtlich, ab 2012 als Verkehrsreferent angestellt, seit 2020 als freier Mitarbeiter zusammen mit zwei Kolleg:innen, die sich ebenfalls mit Planung und Umsetzung RV-förderlicher Maßnahmen befassen.
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