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Eine Projektmanagerin erzählt – Wie ich in der digitalen Bürgerbeteiligung meinen Traumjob fand

Lena Münch ist seit mehr als 3 Jahren bei der wer denkt was GmbH. Sie betreut verschiedene Beteiligungsprojekte und unterstützt Städte und Gemeinden in ganz Deutschland bei der Umsetzung innovativer (digitaler) Lösungen zur Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger. Darüber hinaus verantwortet sie den Themenbereich „Barrierefreiheit“ und kümmert sich hier unter anderem um passende Softwarelösungen und Leichte Sprache.

Mein Weg in die Bürgerbeteiligung…

war eigentlich ein reiner Zufall. Gegen Ende meines Masterstudiums der Computerlinguistik1 an der Technischen Universität Darmstadt wollte ich noch etwas Berufserfahrung sammeln. Da kam mir die Stellenausschreibung des mir bis dato unbekannten Unternehmens wer denkt was GmbH sehr gelegen. Nach einem erfrischend anderen Vorstellungsgespräch (mit Gummibärchen auf den Sofas in der Lounge des Unternehmens) war für mich schnell klar: Hier möchte ich arbeiten. Meine Gesprächspartner*innen waren damit wohl einverstanden; einige Zeit später konnte ich mein Praktikum als Projektassistentin für digitale Bürgerbeteiligung antreten. Es dauerte ein paar Wochen, bis ich mich in diesem breit gefächerten Bereich einigermaßen zurechtfand; da gab es den „Mängelmelder“, Bürgerhaushalte online, digitale Vorhabenlisten, Lärmaktionspläne, Ideensammlungen, Crowdmappings… Doch genau diese anfangs noch verwirrende Vielfalt lernte ich sehr schnell zu schätzen, da mein gesamtes Praktikum abwechslungsreich, vielfältig und niemals langweilig war. Mir gefiel es so gut, dass ich beschloss, auch meine Masterthesis dem Thema „Digitale Bürgerbeteiligung“ zu widmen.

Portriat Lena Münch
Lena Münch ist seit mehr als 3 Jahren bei der wer denkt was GmbH als Projektmanagerin im Bereich der (digitalen) Bürgerbeteiligung beschäftigt. Bild: wer denkt was GmbH

Durch meine Masterthesis bei wer|denkt|was…

habe ich tiefe Einblicke in die deutsche „Mecker-Kultur“ erhalten. In einer umfangreichen Untersuchung habe ich die Bürgerbeiträge des deutschlandweit verfügbaren Anliegenmanagement-Systems „Mängelmelder“ analysiert. Genauer gesagt habe ich die damals rund 17.000 Beiträge mit verschiedenen Algorithmen und Technologien analysieren lassen. Die immense Datenmenge, die zwischen 2011 und 2017 im Mängelmelder gesammelt wurde, kann ohne innovative, computergestützte Verfahren kaum noch überblickt, geschweige denn verarbeitet werden. Unter anderem habe ich im Rahmen der Masterthesis auch untersucht, inwiefern die damals 11 Kategorien die tatsächlich angesprochenen Themen der Meldungen abdecken. Für den bundesweiten Mängelmelder konnte ich herausfinden, dass eine Kategorie mit Themenschwerpunkt „Ampeln“ eine geeignete Ergänzung zu den bereits bestehenden Kategorien wäre.

Ich bin der Bürgerbeteiligung treu geblieben…

weil ich hier etwas bewirken kann. Dies beginnt im ganz Kleinen mit dem Mängelmelder, den ich privat auch sehr gerne nutze. Hier habe ich erst vor Kurzem einige defekte Straßenschilder gemeldet, die innerhalb der selben Woche ausgetauscht wurden. Außerdem bin ich als Darmstädterin ein großer Fan vom Darmstädter Bürgerhaushalt – hier habe ich zweimal im Jahr die Möglichkeit, eigene Ideen einzubringen, die dann eine realistische Chance auf eine Umsetzung haben. Das ist gelebte Bürgerbeteiligung, die auch für alle sichtbar ist. Im Kontext meines Arbeitsalltags kann ich durch die Umsetzung von barrierearmen Online-Beteiligungen auch einen Beitrag leisten, Bürgerbeteiligung insgesamt zugänglicher zu machen. Davon ein Teil zu sein, ist für mich eine große Bereicherung.

Hier moderiert sie mit ihrem Kollegen Marc-Christian Schäfer die Fachkonferenz 2018 bei der esoc. Bild: wer denkt was GmbH

Das Beste an meinem Job…

ist die Vielfalt der Projekte. Hier gibt es sowohl verschiedene Formate, wie Stadtentwicklungskonzepte, Lärmaktionspläne, Bürgerbudgets oder Vorhabenlisten, als auch ganz unterschiedliche Voraussetzungen und lokale Gegebenheiten. Dadurch wird es nie langweilig, denn kein Projekt ist wie das vorherige. So entstehen abhängig vom Projekt oft ganz neue Konzepte und Ideen, die ich auch direkt umsetzen kann.

Ein weiterer großartiger Aspekt meines Jobs ist die Möglichkeit, Projekte über einen längeren Zeitraum zu begleiten. Ich bin oft hautnah mit dabei, wenn die erste Idee entsteht, entwickle gemeinsam mit dem Kunden konkrete Konzepte und plane und koordiniere deren Umsetzung. Bei Online-Beteiligungen übernehme ich zudem für einige Verfahren auch die Moderation und Freigabe eingehender Bürgervorschläge und bekomme so ein recht gutes Bild davon, welche Themen die Bürgerinnen und Bürger in einer Stadt bewegen. Nach erfolgreich abgeschlossenen Beteiligungen bereite ich dann einen Abschlussbericht vor, in dem die Ergebnisse der Beteiligung statistisch ausgewertet werden und zusammengefasst an die Stadtverwaltung weitergegeben werden.

Lena Münchs Arbeitsplatz ist das TIZ (Technologie- und Informationszentum) im Darmstädter Westen. Bild: wer denkt was GmbH

Die größte Herausforderung im Berufsalltag ist…

ebenfalls die Vielfalt der Projekte. Hier muss ich mich für jedes Projekt intensiv vorbereiten, um eine optimale Lösung für die lokalen Besonderheiten einer Stadt oder Gemeinde zu finden. In einigen Städten gibt es bereits eine etablierte Beteiligungskultur, in anderen sind umfangreiche Aktivierungsmaßnahmen nötig, um die Bevölkerung mit ins Boot zu holen. Zudem muss vielerorts das Vertrauen in Politik und Verwaltung erst wiedergewonnen werden. Das ist insbesondere dann notwendig, wenn die Bürgerschaft das Gefühl hat, ihre Vorschläge werden nicht ernst genommen und sie hätten keinen Einfluss auf politische Entscheidungen. Erfahrungsgemäß wird diese Voreingenommenheit allerdings mit jedem Beteiligungsprojekt kleiner. Das ist vor allem dann der Fall, wenn diese Projekte transparent online abgebildet werden und die Verantwortlichen auch direkt Stellung zu einzelnen Themen beziehen. Spätestens wenn die ersten Vorschläge der Bürgerbeteiligung sichtbar Früchte tragen und umgesetzt werden, sind meist auch die größten Skeptiker von der Wirkung der Bürgerbeteiligung überzeugt.

Das schönste Erlebnis bisher…

…kann ich gar nicht mehr benennen. Im Laufe der Zeit gab es viele schöne Momente, zum Beispiel die überwältigende Resonanz bei der Online-Beteiligung zum Stadtentwicklungskonzept in Bad Homburg v. d. Höhe. Hier wurden auf der Plattform badhomburg2030.de innerhalb von nur vier Wochen mehr als 300 Ideen, knapp 500 Kommentare und über 2000 Stimmen abgegeben – absolut rekordverdächtig. Unter dem Motto „Fokus Zukunft – Bad Homburg 2030“ wurden von den Einwohnerinnen und Einwohnern der Kurstadt unzählige konstruktive Ideen eingebracht, von denen einige in das Integrierte Stadtentwicklungskonzept Bad Homburgs einflossen.

Der Livegang der Plattform talbeteiligung.de war sicherlich auch eins der Highlights. Nachdem unser Team wochenlang an der Plattform gefeilt hatte, um das Konzept sowie die Vorstellungen der Stadt Wuppertal auf einer Website umzusetzen, war der Livegang und der gleichzeitige Start des Bürgerbudgets für alle ein langersehnter Moment, der auch Anlass zum Feiern bot.

Apropos: natürlich dürfen die zahlreichen Erlebnisse mit den Kolleginnen und Kollegen an dieser Stelle nicht fehlen – von tollen Gesprächen in der Mittagspause bis hin zu unvergesslichen Sommer- und Winterfesten.

Lena mit ihren Kolleginnen Laura Stoppok und Theresa Lotichius beim Ausflug zum Winterfest 2017. Bild: wer denkt was GmbH

Die Zukunft der Bürgerbeteiligung…

ist digital. Ich bin fest davon überzeugt, dass die Digitalisierung Bürgerbeteiligung noch weiter verändert und verbessert. Durch Angebote, die online abgebildet werden, kann die Teilhabe einer viel breiteren Masse ermöglicht werden, was einen deutlichen Pluspunkt im Vergleich zu zeit- und ortsabhängigen Veranstaltungen wie Bürgerworkshops darstellt. Insbesondere während der Corona-Krise sind digitale Angebote zur Bürgerbeteiligung enorm wichtig geworden, da viele klassische Formate vor Ort nicht stattfinden konnten. Diese Veranstaltungen sind auch eine wichtige Säule der Bürgerbeteiligung und können hoffentlich bald wieder stattfinden, sodass auch wieder persönlich und auf Augenhöhe diskutiert werden kann. Dennoch bergen Online-Beteiligungen vor allem hinsichtlich ihrer Auswertung viel mehr Potenzial, das heutzutage noch nicht in Gänze genutzt wird. Mit modernen Technologien und Methoden der Computerlinguistik können Auswertungen automatisiert erstellt werden und in ansprechender Art und Weise aufbereitet werden. Hiermit würde das teils mühsame manuelle Aufbereiten von Bürgerideen und -kommentaren erheblich vereinfacht.

1 Anm. d. Red. Computerlinguistik vereint die beiden Disziplinen Informatik und Linguistik (Sprachwissenschaft). Im Fokus stehen die Verarbeitung natürlicher Sprache mithilfe computergestützter Methoden.

 

Über die Autorin:
Lena Münch ist Projektmanagerin und Beraterin für Projekte im Bereich der (digitalen) Bürgerbeteiligung. In dieser Position konzipiert, betreut und begleitet sie verschiedene Software-Projekte für Kunden aus den kommunalen Bereichen.

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